Von Winterthur in die «Masoala-Halle» am MICA - The School of Ideas

Jasmin Zihlmann on 09.07.2019 14:04:54
Jasmin Zihlmann

Schwüle Luft schlägt mir entgegen als ich die klimatisierten Hallen des Sardar Vallabhbhai Patel International Airport von Ahmedabad verlasse und unserem Fahrer auf den Parkplatz folge. Obwohl es morgens um vier Uhr ist, herrscht hier reges Treiben – hupende Autorikschas, streunende Hunde und diverse Händler blockieren die Strasse. Ich wische mir den Schweiss von der Stirn und atme diesen neuen Duft ein. Es riecht nach Benzin, frittierten Speisen und Räucherstäbchen. Noch etwas schlaftrunken nehme ich dies alles wahr und lasse es auf mich wirken.

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Welcome to India! Ich nehme dich mit auf eine viermonatige Reise durch den indischen Subkontinent, wo ich gemeinsam mit einer Mitstudentin aus Zürich drei Monate am MICA in Ahmedabad, einer Partnerhochschule der ZHAW verbringen werde. Im Anschluss daran werden wir für rund einen Monat den Süden des Landes bereisen, bevor wir im Herbst wieder zurück in die Schweiz kehren werden.

 

MICA – The School of Ideas

MICA – auch bekannt als «The School of Ideas» ist eine Business Management Schule in Ahmedabad im Staat Gujarat, welche sich auf Strategische Kommunikation und Marketing spezialisiert hat. Die Vision der Schule ist es, Leaders für das digitale Marketing und die Kommunikation im Zeitalter der digitalen Transformation auszubilden. MICA sieht Marketing als einen Way of Life; das heisst Theorie und Praxis liegen sehr nahe zusammen, was sich in der hohen Vielfalt an Unterrichtsfächern wie Marketing Analytics, Strategic Communication, Consumer Insights Mining oder Online User Behaviour, aber auch Fächern wie Imagining India, Cultural Context of Communication oder Luxury Branding zeigt.

 

 

Kreatives und Out of the Box-Denken, Design und Problem Solving stehen im Zentrum des sich anzueignenden Skillset eines jeden MICAns. Die Schule arbeitet ebenfalls mit Forschern und Thought Leaders aus den USA, aber auch mit Industriepartnern zusammen, um eine Forschung aus unterschiedlichen Perspektiven zu gewährleisten und den Studierenden einen Einblick ins zukünftige Berufsleben zu geben. Wir sind momentan im Post Graduate Diploma in Management – Communications, welches nebst zwei anderen Studiengängen wie dem Fellow Program in Management – Communications und dem Crafting Creative Communication besteht.

Der Selektionsprozess für die Schule ist sehr streng – aus rund 10'000 Bewerbenden werden aus einem Mix aus Online-Prüfungen und mündlichen Interviews knapp 300 Studierende ausgewählt. Kein Wunder wird es deshalb als Privileg gesehen, hier am MICA studieren zu dürfen und dies wird auch im Verlauf der Einführungswochen immer wieder betont. Im Wissen dessen fühlen auch wir uns privilegiert, auch wenn es nur für ein Trimester ist, hier studieren zu dürfen.

MICA Campus

Der Campus befindet sich rund 15 km ausserhalb der Stadt, eingebettet in einer wunderschönen grünen Oase mit einer überwältigenden Flora und Fauna bestehend aus rund 3500 Blumen- und Pflanzenarten sowie verschiedensten Tieren wie Affen, Pfauen, gestreiften Palmenhörnchen und gaaanz vielen lieben Kriechtieren und Moskitos. Dieses Setting lässt sich, in Kombination mit dem feucht-heissen Klima mit einem Aufenthalt in der Zürcher Masoala-Halle vergleichen – nur dass dieser Aufenthalt nicht kurzfristig ist, sondern sich über drei Monate hinweg erstreckt. AC, Erfrischungsgetränke und mehrmaliges Duschen und Kleiderwechseln gehören hier zur Tagesordnung – obwohl die Temperaturen mit dem Einsetzen der Regenzeit nun etwas sinken und das Alltagsleben allgemein erträglicher wird.

Der Campus ist aus verschiedensten Hostels aufgebaut, in welchen die Studierenden sich für die nächsten zwei Jahre zu zweit ein Zimmer teilen. Dass das jeweilige Hostel zu einem zweiten Zuhause wird, zeigt sich daran, dass Wände kunstvoll bemalt, Ventilatoren gekauft und Musikinstrumente mitgeschleppt werden – ist es für die meisten doch das erste Mal, dass sie von Zuhause wegziehen. Zum Wohlbefinden eines jeden MICAns tragen aber auch die unterschiedlichsten Campuseinrichtungen wie ein hauseigener Wäsche- und Zimmerreinigungsservice sowie das leckere Essen in der grossen, aber unglaublich lärmigen Kantine sowie der Chhota, dem charmanten 24/7 Open-Air-Kiosk bei. Dieser hat bereits nach der ersten Woche aufgrund des dort angebotenen leckeren Fruchtsalates unser Herz erobert – sind Reis und scharfes Linsen-Dal doch nicht unbedingt die Speisen, welche sich unsere westlichen Mägen frühmorgens gewohnt sind.

MICA Auditorium

Das schönste und wohl exotischste Gebäude hier auf dem Campus ist das Auditorium, welches anscheinend sogar über die Staatsgrenzen hinweg aufgrund seiner Einzigartigkeit bekannt ist. Die Studierenden sitzen nicht wie sonst üblich auf unbequemen Stühlen, sondern fläzen sich auf gemütlich arrangierten, farbigen Sitzkissen, auf denen man manchmal Gefahr läuft, sich in Tagträumereien zu verlieren, anstatt dem Unterricht zu folgen. Dass vor dem Betreten der Aula die Schuhe ausgezogen werden, ist eine Selbstverständlichkeit – was wiederum den barfuss Dozierenden eine gewisse Leichtigkeit verleiht, sie aber deswegen keinesfalls weniger seriös wirken. Nebst dem regulären Unterricht kommen Studierende ebenfalls in den Genuss unterschiedlichster Sportangebote sowie der Möglichkeit, sich in Studierenden-Komitees wie MICANVAS, welches das jährliche Marketing Management Festival organisiert, Studio 7, einer Studentenband, LitComm, einem Literaturclub oder TEDxMICA zu engagieren.

 

What makes a MICAN

Der grösste Kulturschock, wenn man überhaupt von einem solchen sprechen darf, sind nicht etwa die tropischen Temperaturen oder die scharfen Speisen, sondern schlicht und einfach die Leute des Landes selbst. Selten habe ich Menschen mit so einer grossen Lebensfreude, einem solch beneidenswerten Enthusiasmus für die kleinen und grossen Dinge des Lebens und vor allem mit einer solch grossen Hilfsbereitschaft kennengelernt. Natürlich profitieren wir hier als Schweizerinnen vom «Foreigner Bonus» und werden deshalb nochmals speziell umsorgt, lautet doch ein hindisches Sprichwort, dass Gäste wie Götter behandelt werden sollen – und so fühlen wir uns auch hier. Die Studierenden, Dozierenden und Angestellten des Campus tun hier wirklich alles, um unseren Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten.

Da die wenigsten Studenten bis jetzt das Land verlassen haben, werden wir quasi als Vertreterinnen für ganz Europa wahrgenommen, was sich in ihren unermüdlichen Fragen über Kultur, Land und Leute zeigt sowie auch an den ihnen bestens bekannten typischen Schweizer Stereotypen – spielen doch Szenen des landesweit bekannten Bollywood-Streifens DDLJ in der Jungfrau-Region. Nicht zu vergessen sind die heiss begehrten Schweizer Sportidole Roger Federer und Xherdan Shaqiri, welche hier ganz zu unserem Erstaunen in aller Munde sind.

Monsoon Palace, Udaipur

Genauso interessiert wie sie an unserer Kultur sind, sind sie aber daran, uns schonungslos in die ihre einzuführen und uns mit ihrer reichhaltigen Geschichte, ihren Bräuchen und ihren sozialen Umgangsformen vertraut zu machen. Wir werden uns hier wieder einmal unseres «Gartenzaun-Denkens» bewusst, welches uns oft daran hindert, aus uns herauszukommen und unsere Komfortzone zu verlassen. Die MICANs hingegen kennen kaum so etwas wie eine Komfortzone. Sobald sich die Möglichkeit bietet, sich in irgendeiner Form mitzuteilen – sei dies im Klassenverband, als Tänzer oder Sänger auf der Bühne oder einfach nur durch das Mitfiebern bei einem Cricket-Spiel oder einem Bollywood-Streifen.

Obwohl die Welt hier 360° anders ist, sind wir von der Offenheit der Mitstudierenden gegenüber kritischen Themen wie dem Kastensystem, Zwangsheiraten oder anderen gebräuchlichen Mythen des Landes positiv überrascht. Da die Studierenden aus den unterschiedlichsten Landesteilen wie Delhi, Mumbai, Kalkutta, Kerala oder Chennai kommen, variieren auch ihre Akzente und die Dialekte, die sie sprechen. Trotz dieser unglaublichen sprachlichen Vielfalt des Landes haben nicht nur wir, sondern sogar auch die Studierenden untereinander Mühe, sich reibungslos zu verständigen. Aber an einer Schule, die sich Kreativität in jeglicher Form der Kommunikation auf die Fahne schreibt, stellt dies mehr eine willkommene Herausforderung als eine unüberwindbare Hürde dar.

 

MICANs in the business world

Ihre starke Persönlichkeit macht unsere indischen Mitstudierenden wohl auch zu guten Mitarbeitenden, die sich in der Business-Welt behaupten können. Ihr starkes Mitteilungsbedürfnis und der Wille, aus der Masse herauszustechen und die Welt zum Positiven zu verändern, rührt wohl daher, dass sie sich als Privilegierte verantwortlich fühlen, die akuten gesellschaftlichen Probleme in ihrem eigenen Land anzugehen und Lösungen zu kreieren. Dies lässt mich immer wieder nachdenklich stimmen, wenn ich an unsere im Vergleich doch sehr privilegierten Verhältnisse denke, welche uns Vieles für Selbstverständlich wahrnehmen lassen und uns oft in der Komfortzone feststecken lassen. Mir hat es jedenfalls einen enormen Motivationsschub verliehen, diese top motivierten Studierenden zu sehen, welche anscheinend alle eine sehr genaue Vision davon haben, wie sie in Zukunft die Welt verändern möchten.

Panel Discussion, TING

Um diesem Drang nach Selbstverwirklichung Raum zu geben, lud das MICA während der Einführungswoche MICA Alumni und Partner Manan Vora von TING, einer Digital- und Kreativagentur mit Sitz in Mumbai, Chennai und Bengalura ein. Vora erzählte seine Story wie er vom MICAn zum Entrepreneur wurde und was heutzutage gutes Entrepreneurship ausmacht.

Seiner Meinung nach bestehen die wichtigsten Eckpfeiler eines guten Unternehmertums in erster Linie aus der Leidenschaft für die eigene Idee, harter Arbeit, Vertrauen ins Universum, welches dir alles, was du dir wünschst zur Verfügung stellt, aus deiner eigenen Überzeugung, einem positiven Mindset und nicht zuletzt aus guten Freunden, welche dir beim Aufbau deines Business zur Seite stehen. Als Abschluss legte er uns ans Herz, wie wichtig es ist, authentisch zu sein und sich dadurch einen USP aufzubauen und mit voller Überzeugung für sich selbst und das eigene Business einzustehen. Es sei aber auch nicht falsch, gerade am Anfang, andere Menschen oder sogar Idole als Inspirationsquelle zu haben, von ihnen zu lernen und sich leiten lassen, so lange bis man seine ganz eigene Version von der Sache findet, die einen erfüllt und der man sich in Form eines eigenen Unternehmens widmen möchte.

  • Was denkst du über das Thema Entrepreneurship in der Schweiz?
  • Was gibt oder gäbe dir einen Motivationsschub, um dein eigenes Business zu gründen?
  • Was macht deiner Meinung nach ein gutes Entrepreneurship aus?

Full House - Auditorium @MICA